Von Detox zu Retox

31.12.2025

Alle Jahre wieder zur Weihnachtszeit schallt’s in Sozialmedien weit und breit: Tschüss ich bin dann mal weg zum Digital Detox! Zwischen den Jahren gönnt man sich eine Pause von der Contentproduktion, verabschiedet sich bis Anfang Januar von der Öffentlichkeit und nutzt die digitale Unerreichbarkeit zur Selbstfürsorge. Nach einem weiteren Jahr algorithmischer Dauerberieselung und digitaler Reizüberflutung wirkt dieser Rückzug wie ein Akt der Selbstverteidigung. Und das ist er ja auch, zumindest auf der individuellen Ebene. 

Doch so sehr wir diese Pausen brauchen, so wenig lösen wir damit das zugrunde liegende Problem. Wir ziehen uns ja nicht zurück, weil wir zu viel im digitalen Raum sind, sondern weil die digitalen Räume, die wir täglich nutzen, zunehmend toxisch werden. Also wird zu Weihnachten erst mal der Stecker gezogen. So wie viele im Sommer für zwei Wochen vor miesen Arbeitsbedingungen fliehen, um sie danach weiter zu ertragen.

Die selbstgewählte Abstinenz mag zwar kurzfristig entlastend wirken, doch nach der Detox-Pause kehren die meisten zu denselben Plattformen zurück. Entgegen aller Hoffnungen haben sich diese in der Zwischenzeit allerdings nicht verbessert, ganz im Gegenteil: Noch mehr Werbung, noch mehr Tracking, noch mehr algorithmische Steuerung. Willkommen zurück! Von Detox zu Retox.

Enshittification: Wie Plattformen immer schlechter werden

Cory Doctorow beschreibt diesen Prozess mit einem drastischen, aber treffenden Begriff: Enshittification. Gemeint ist der systematische Verfall digitaler Plattformen, der kein Betriebsunfall ist, sondern das eigentliche Geschäftsmodell. Erst beginnen Plattformen offen und gemeinschaftsorientiert. Mit steigenden Abos und zunehmender Abhängigkeit dreht sich der Spieß plötzlich um: Digitale Plattformen beginnen, Aufmerksamkeit zu monetarisieren, Sichtbarkeit zu verknappen, den Service runterzuschrauben und Nutzer:innen & Creator:innen auszupressen. 

Kurz: das Angebot wird, um es mit Doctorow’s Worten auszudrücken: immer beschissener. Nutzer:innen spüren diesen Verfall und ventilieren ihren Ärger in Online-Foren - doch wie wollen sie Tech-Konzerne zur Rechenschaft ziehen? Zurück bleiben soziale Räume, die uns auslaugen, aus denen wir aber dennoch kaum entkommen. Nicht unbedingt aus Gewohnheit, sondern weil soziale, berufliche und politische Teilhabe inzwischen eng an sie gekoppelt sind. Digital Detox macht einen zunehmend toxischen Zustand temporär erträglicher, ohne ihn strukturell zu verändern. Die zunehmende Verschlimmscheißerung wird dadurch nicht gebremst, sondern im Gegenteil stabilisiert.

Was können wir tun?

Wenn Digital Detox das Problem nicht löst, müssen wir an die Bedingungen ran, unter denen wir digital verbunden sind. Die Antwort liegt nicht im individuellen Rückzug, sondern im Wechsel der Infrastruktur. Es braucht keine symbolische Pause, sondern eine Strategie, wie wir ausbeuterische Plattformen möglichst zeitnah verlassen können. Der erste Schritt ist eine nüchterne Bestandsaufnahme: Welche digitalen Dienste nutzen wir täglich? Welche davon sind für Arbeit, soziale Beziehungen oder politische Teilhabe wirklich notwendig? Und welche existieren vor allem aus Bequemlichkeit oder Gewohnheit?

Im nächsten Schritt geht es darum, diese Funktionen aus der Plattformlogik herauszulösen. Viele zentrale Dienste lassen sich heute problemlos selbst hosten oder gemeinschaftlich betreiben. Für Cloud-Speicher, Kalender und Kollaboration etwa mit Open-Source-Lösungen wie Nextcloud, das sich selbst oder bei europäischen Anbietern betreiben lässt. Orientierung bieten Plattformen wie European Alternatives, die europäische Alternativen zu Cloud-Services und SaaS-Produkten bündeln, oder Übersichten zu Open-Source-Alternativen, wie sie unter anderem bei DreamHost dokumentiert sind.

Auch Kommunikation und Zusammenarbeit müssen nicht über proprietäre Plattformen laufen. Mit dem offenen Protokoll Matrix lassen sich Chat-, Voice- und Video-Dienste föderiert organisieren. Clients wie Element oder selbst gehostete Lösungen wie Rocket.Chat ersetzen Slack, Teams oder Discord – mit voller Kontrolle über Daten, Zugänge und Moderation. Eigene Infrastruktur bedeutet volle Kontrolle und die Freiheit, selbst zu entscheiden. Jeder Dienst, der aus der Abhängigkeit von Big Tech zurückgeholt wird, reduziert strukturelle Verwundbarkeit.

Parallel dazu braucht es den bewussten Wechsel der sozialen Räume. Statt auf zentralisierte Plattformen zu setzen, können wir Netzwerke nutzen oder mit aufbauen, die wir selbst kontrollieren oder kollektiv besitzen. Föderierte soziale Netzwerke wie Mastodon oder Pixelfed zeigen, dass soziale Öffentlichkeit auch ohne algorithmische Daueroptimierung funktioniert. Voraussetzung dafür sind aktive Nutzung und gemeinschaftliche Pflege solcher Infrastrukturen.

All die Zeit, Kreativität, Aufmerksamkeit und das Geld, das heute in ausbeuterische Plattformen fließt, kann in eigene Infrastruktur und gemeinschaftliche Netzwerke umgeleitet werden. Unterstützt wird dieser Ansatz von Organisationen wie der Free Software Foundation Europe die sich für digitale Selbstbestimmung einsetzen, Initiativen wie Public Money? Public Code! der der europäischen Open-Source-Strategie der EU-Kommission. Journalistische & aktivistische Begleitung sowie kritische Einordnung bieten Plattformen wie netzpolitik.org oder das Zentrum für Digitalrechte und Demokratie.

So kann schrittweise eine digitale Öffentlichkeit entstehen, die nicht auf Extraktion, sondern auf Nachhaltigkeit ausgelegt ist. Kein Detox, um danach weiterzumachen wie zuvor, sondern ein bewusster Auszug aus toxischen Infrastrukturen und ein kollektiver Umzug in Räume, die für Menschen gemacht sind, nicht für Konzerne.