Im Candyshop

24.06.2026

Dieses klebrige Gefühl der Überfülle nach einer Reihe von Feiertagen, an denen man nichts ausgelassen hat. Der Zustand, bis oben hin voll zu sein mit allem, was man sonst nur in kleinen Dosen hat: Essen, Familie, Alkohol, soziale Interaktion. Nach dem Genuss kommt unausweichlich der Kater. Überfluss macht Überdruss. Und das ist kein schönes Gefühl: überlastet zu sein. Es kostet Energie. Man möchte dann alles abwerfen, wieder ganz pur werden, unbelastet. Die Sehnsucht nach Einfachheit.

Genau so geht es mir gerade mit dem Überfluss von Digitalprodukten. Ich öffne Spotify, scrolle durch die App und sehe irgendwann vor lauter Angeboten nur noch ein Flimmern vor Augen. Ich will mir einen Film auf Netflix anschauen, aber es kommt nicht dazu, weil ich so überfordert bin von den Möglichkeiten, dass ich sofort die Lust verliere. Ich sehe keinen Sinn mehr und vor allem keinen Wert in dem Content, der mir Tag für Tag angeboten wird. Und ich weiß, ich produziere selbst ja auch noch welchen.

Ich bin gefühllos geworden für Komsumanreize. Nicht einmal mehr die maßgeschneiderten Angebote auf Instagram reizen mich. Die Taschen, die genau meinem Stil entsprechen. Die Hosen, von denen ich träume – da sind sie, zum Greifen nah. Ich muss nur noch auf „Buy“ klicken und dann gehören sie mir. Aber ich mag nicht mehr klicken, weil die Freude fehlt.

Meine Aufmerksamkeit ist erschöpft. Meine Kauflust ist besiegt. Meine Freude am Konsum ist verschwunden. Mir wird schlecht von all den fehlgeleiteten Anreizen, die auf meine Person abzielen. In der Analogie von Sinn des Lebens bin ich nun bei dem Pfefferminzblatt angelangt, das mich endgültig zum Kotzen bringt. Ich kann nicht mehr. Mein Nervensystem, das jahrelang unablässigen Verlockungen ausgesetzt war, liegt schutzlos blank. Ich, die ich (metaphorisch) ein Leben lang hungrig war, hab meinen Appetit verloren. Und das ist schrecklich!

Auf Insta, YouTube und TikTok haben genau die Kanäle Zulauf, die das einfache Leben propagieren: Tradwives, Tiny-House-Evangelisten, Sauerteig-Fans, Minimalisten, Alleingebärende, Simplify your life – während ein globales Publikum vor den Screens klebt und eine Milliardenindustrie unablässig Produkte reinspült in diese einfachen Welten. Pseudo-Einfachheit als Stimmungshintergrund für überreizte User, die eigentlich nur noch den Stecker ziehen wollen – aber nicht wissen, wie.

Offline zu gehen ist ja auch keine Lösung. So funktioniert das einfach nicht: Wir sind den ganzen Tag an irgendwelchen Endgeräten, weil wir mit ihnen bezahlen, bestellen, uns ausweisen und ganz nebenbei auch kommunizieren. Und natürlich wird beim Switchen zwischen all diesen Funktionen unsere Aufmerksamkeit maximal kapitalisiert. Von überall kommen die Updates rein, die Likes, die kleinen Ablenkungen. Und schon ist man wieder mitten drin in diesen Welten, aus denen man eigentlich längts fliehen wollte.

Ich bin gefangen im Candyshop. Freiwillig festgehalten in einer klebrigsüßen Welt und alles was ich will, ist ein Butterbrot. Wie komme ich da raus? Der Helden-Song Die Reklamation kommt mir in den Sinn: „Meine Zähne gegen eure zahme Revolution, Visionen gegen die totale Television. Ich tausch, ich will nicht mehr, ich will mein Leben zurück!“ Ich bin auch an dem Punkt, an dem ich das gesamte System reklamieren will. Holt mich aus dem Bällebad ab, lasst mich ziehen. Ich will mich wieder nach Musik verzehren, nach einem bestimmten Buch. Mich danach sehnen, es endlich in den Händen halten zu können. Ich will wieder echtes Begehren spüren.

Aldous Huxley hat in seiner dystopischen Novelle Brave New World, die 1932 erschienen ist, eine Gesellschaft gezeichnet, in der die Menschen permanent stimuliert und befriedigt werden. Er zeigt, dass die Tragödie des Überflusses darin liegt, dass wir alles haben, aber nichts mehr wirklich wollen. Die Angst, die Huxley vor einer Welt hatte, in der es so viele Informationen und Vergnügungen gibt, dass die wichtigen Dinge untergehen – ist sie nicht längst Realität?

Wer stundenlang von Algorithmen durch die bunte Welt der Plattformen gejagt wird und in Vergnügungsschleifen feststeckt, hat weniger Zeit und Energie für politische Aktion. Wer kauft und konsumiert bleibt eher im System als Menschen, die ihre Ziele selbst festlegen. Inneres Wachstum entsteht durch Sehnsüchte, Ziele und Ideale. In der Entfernung zwischen dem, was ist und dem, was sein könnte, entsteht Bewegung. Daran mangelt es gerade gewaltig. Wir würden ja gern, aber unsere Füße kleben fest im Candyshop.