Der Mai war mein Social-Economy-Monat. Wie ein roter Faden zog sich das Thema durch fast alle Begegnungen und Veranstaltungen, an denen ich beteiligt war. Warum eigtentlich? Eine mögliche Antwort darauf habe ich auf der re:publica wahrgenommen, wo der zunehmende Druck auf Demokratie und letztendlich auch auf die Soziale Marktwirtschaft in unzähligen Vorträgen und Paneldiskussionen thematisiert wurde.
Im Mai war ich Teil einer vom Berliner Senat für Wirtschaft, Energie & Betrieb bestellten Jury, die im Rahmen des Wettbewerbs Berlins Soziale Unternehmen 2026 die Preisträger:innen aus den drei Kategorien Mensch, Planet und Transformation auswählte. Im Zuge dieser Arbeit und vor allem in Vorbereitung der Keynote, die ich im Rahmen der Preisverleihung auf der re:publica hielt, habe ich wahrgenommen, wie sehr das Themenspektrum aus der Sozialökonomie auch in die kritischen Debatten rund um Big Tech, Künstliche Intelligenz und Technofeudalismus hineinragt.
Diskursverschiebung: Die Markierung des Unsozialen
Es ist eine interessante Verschiebung zu beobachten. Lange Zeit verstand sich die Sozialökonomie als Gegenmodell zur „eigentlichen“ Wirtschaft. Sozialunternehmen, Genossenschaften, Kollektive oder gemeinwohlorientierte Initiativen mussten erklären, warum sie nicht nur gesellschaftlich relevant, sondern auch wirtschaftlich tragfähig sind.
Heute müssen sich zunehmend die Wirtschaftsakteure erklären, die über planetare Grenzen hinaus produzieren und deren Geschäftsmodell auf Ausbeutung von Arbeitskraft oder Daten beruht. Der Wettbewerb “Berlins Soziale Unternehmen 2026” hat klar gezeigt: Während soziale Unternehmen längst professionell aufgestellt sind und technologisch innovativ & wirtschaftlich relevant agieren, geraten zunehmend diejenigen Wirtschaftsformen unter Rechtfertigungsdruck, die systematisch soziale und ökologische Kosten externalisieren.
Ich fände es wünschenswert, wenn wir im selben Maßstab, wie wir anfangen, soziale Unternehmen zu markieren, auch die “unsozialen” Player sichtbar machen und benennen würden.
Der Sektor braucht mehr Daten
Der Verbund Kooperatives Wirtschaften VKW, dem ich seit 2024 als Gründungsmitglied und Co-Vorstand angehöre, hat im Rahmen einer Online-Veranstaltung am 29. Mai 2026 die These aufgestellt, dass die Sozialökonomie ein bedeutender Wirtschaftsfaktor sei. Dafür wurden aktuelle Studien aus Berlin und Bremen vorgestellt und verglichen. Die Daten- und Studienlagen aus beiden Bundesländern weisen darauf hin, dass soziale Unternehmen nicht nur qualitativ, sondern zunehmend auch quantitativ eine relevante Rolle in der Gesamtwirtschaft spielen.
Gleichzeitig wurde deutlich, wie fragmentiert die Datenlage bislang noch ist. Viele Aktivitäten der Sozialökonomie tauchen in klassischen volkswirtschaftlichen Statistiken nur teilweise oder gar nicht auf. Und das, obwohl sie real Wertschöpfung, Beschäftigung und Innovation erzeugen. Wo wir beim noch immer existierenden strukturellen Problem wären: Was nicht sichtbar ist, wird politisch kaum wahrgenommen.
Vor diesem Hintergrund wurde im Austausch immer wieder die Frage gestellt, wie eine zeitgemäße Erfassung sozialökonomischer Aktivitäten aussehen könnte. Eine Erfassung und Sichtbarmachung, die soziale und ökologische Wertschöpfung systematisch berücksichtigt.
Neue Messlogiken für gesellschaftlichen Wert
Eine der zentralen Fragen der kommenden Jahre ist, wie wir wirtschaftlichen Erfolg eigentlich messen. Reichen dafür weiterhin Bruttoinlandsprodukt, Wachstum und Profitabilität aus, oder greifen diese Kennzahlen längst zu kurz? Und was ist mit der Externalisierung von Kosten, die viele Industrien noch immer ungehindert auf die Gesellschaft auslagern? Als Beispiel hierfür möchte ich die aktuellen Kennzahlen des IMF zu den gesellschaftlichen Kosten fossiler Brennstoffe heranziehen.
Schauen wir doch einmal, wie Sozialunternehmen, beispielsweise das Berliner Reparatur-und Kreislaufprojekt Kreisler, oder das Food-Startup Haferkater, ihre Wirkungs-und Nachhaltigkeitsberichte verfassen: Hier wird mit erweiterten Wirkungslogiken gearbeitet, in denen nicht nur Umsatz und Skalierung zählen, sondern beispielsweise auch Fragen danach, ob Menschen handlungsfähiger werden, ob ökologische Stabilität gefördert wird und ob demokratische Räume und gesellschaftliche Resilienz gestärkt werden. Inspirierend fand ich auch, dass Haferkater neben dem Nachhaltigkeitsbericht auch einen Unnachhaltigkeitsbericht veröffentlicht. Offensichtlich hat man dort keine Angst davor, Bereiche offenzulegen, in denen das Unternehmen seinen eigenen Ansprüchen noch nicht genügt.
Damit rückt eine weitere Perspektive in den Fokus: Viele Sozialunternehmen übernehmen soziale, ökologische und infrastrukturelle Verantwortung, die in anderen Teilen der Wirtschaft systematisch ausgelagert wird. Diese Leistungen bleiben in klassischen Kennzahlen weitgehend unsichtbar, obwohl sie realen gesellschaftlichen Wert erzeugen.
Okapis und die Frage der (Re)-Sozialisierung
Besonders interessant fand ich in den Studien jene Unternehmen, die sich nicht eindeutig als Sozialunternehmen klassifizieren lassen. In der Berliner Studie werden sie in Abgrenzung zu Zebras, der Kerngruppe sozialer Unternehmen, als „Okapis“ bezeichnet. Bei dieser Mischform liegt möglicherweise eines der größten Transformationspotenziale.
So sehr es auch darum geht, bestehende Sozialunternehmen zu fördern - es ist eine ebenso große Aufgabe, so vielen Unternehmen wie möglich den Weg zur Sozialökonomie zu bereiten.
Was wäre denn eigentlich das „minimal viable social business“ eines Unternehmens? Welche kleinen Veränderungen in Governance, Eigentum, Beschaffung oder Wirkung könnten bereits große Verschiebungen auslösen?
Natürlich braucht es dabei unverhandelbare Grundprinzipien: Die Priorisierung sozial-ökologischer Zielsetzungen vor reiner Renditelogik muss organisatorisch abgesichert werden. Sozialunternehmen, Genossenschaften oder Purpose-Organisationen machen das üblicherweise mittels Satzungen, Governance-Strukturen oder Eigentumsmodellen. Was es jetzt braucht sind offene Übergangsräume für die Transformation von Unternehmen. Wir brauchen eine Re-Sozialisierung der Wirtschaft. Das ist weniger eine Option, sondern zunehmend eine infrastrukturelle Notwendigkeit.
Sozialökonomie als wirtschaftliches Betriebssystem einer Demokratie
Das, was wir als Sozialökonomie klassifizieren und was jahrzehntelang eine Sonderstellung in wirtschaftspolitischen Betrachtungen eingenommen hat, sollte das primäre wirtschaftliche Betriebssystem aller demokratischen Staaten werden - es sei denn, wir hätten ein Interesse daran, vom Technofaschismus verschluckt zu werden.
Wie kann die Sozialökonomie als integrierter Bestandteil eines zukünftigen wirtschaftlichen Betriebssystems verstanden werden? Und wenn ich sage Betriebssystem, dann meine ich das nicht technokratisch, sondern im Hinblick auf ein System, das ökonomische Leistungsfähigkeit, demokratische Kontrolle und gesellschaftliche Verantwortung als zusammenhängende Voraussetzung denkt.
Zur Stärkung der sozialen Marktwirtschaft gilt es vor allem, die Wirtschaftsordnung vor der gesellschaftlichen Bedrohung durch die unregulierte Macht von Tech-Konzernen zu schützen. Hier braucht es ein fundamentales Umdenken, um die informationelle Selbstbestimmung und demokratische Werte gegen Ausbeutung zu verteidigen. Wer glaubt, dass das übertrieben ist, schaut doch bitte mal in Francesca Bria's Website Der Autoritäre Stack, wo sehr genau dargestellt wird, wie sich das Vordringen von US-Tech-Unternehmen in die kritische Infrastruktur Europas auf demokratische Regierungen auswirkt.
Vielleicht brauchen wir die Kategorie Sozialwirtschaft bald nicht mehr
Wenn es eine Sozialökonomie gibt, was ist dann eigentlich das passende Wort für die rein markt-und profitorientierte Wirtschaft? Marktwirtschaft? Oder doch lieber gleich: Unsozialwirtschaft?
Das Schönste wäre, wenn wir das Wort „Sozialökonomie“ irgendwann gar nicht mehr bräuchten. Wenn kein Mensch mehr auf die Idee käme, sozial ausgerichtetes Wirtschaften gesondert hervorzuheben, weil ihre Prinzipien selbstverständlich geworden sind.
Weil soziale Verantwortung, ökologische Stabilität, demokratische Infrastruktur und langfristiges Denken dann nicht mehr als Sonderfall gelten, sondern als Mindeststandard wirtschaftlichen Handelns.
Dann würden wir vielleicht nicht mehr herausragende Sozialunternehmen auf eine Bühne bitten und sie auszeichnen - obwohl es zugegebenermaßen sehr viel Spass macht. Dann würde es eher darum gehen, Transformationsprogramme für die Wirtschaftsakteure zu entwickeln, die noch nicht in der Gegenwart angekommen sind. Alle diejenigen, die noch an fossilen Energieträgern hängen, die an Gender Pay Gaps festhalten, die 40-Stunden-Woche promoten und entlang der Lieferkette alles ausquetschen was nur geht, egal auf wessen Kosten.
Diese Firmen bitte ab ins Okapi-Trainingsprogramm oder aber auf die Shortlist der Unsozialen Unternehmen, der (noch) fiktive Negativpreis einer Wirtschaft, die hoffentlich bald damit beginnen wird, die Externalisierung von Kosten ebenso ernst zu nehmen wie die Bilanzierung von Gewinnen.