Endstufe Patriarchat

08.03.2026

Es ist natürlich kein Zufall, dass ich diesen Beitrag am Internationalen Frauentag schreibe. Die Gedanken, die ich hier formuliere, begleiten mich schon seit Wochen. In Gesprächen, in Nachrichtenmeldungen, in kleinen und großen Beobachtungen verdichten sich für mich zunehmend Momente der Erkenntnis. 

Es fühlt sich an, als würden wir gerade eine Zeitenwende erleben. Ein kollektives Erwachen, ein ungläubiges sich-die-Augen-reiben. Was, schon wieder Krieg? Was, schon wieder ein großer Name, der in den Epstein-Files auftaucht? Schon wieder und immer noch Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Völkermord, Cyberwars und Rechtspopulist:innen überall?

Viele Ereignisse der letzten Jahre empfinde ich als Teil desselben Musters: Männliche Dominanzkultur trifft auf eine Konzentration von finanzieller oder politischer Macht. Endstufe Patriarchat. Es ist, als würde ein System implodieren und alles mitreißen, was sich ihm in den Weg stellt. Es ist der große Showdown einer globalen Infrastruktur der Macht, die Typen wie Trump und Putin erschaffen hat und die medialen Propagandainstrumente gleich mit dazu.

Ich haben noch keine Worte, um das, was im Augenblick passiert, zu benennen. Ich höre Frauen wie Gisèle Pelicot zu. Ich versuche zu verstehen, was die Opfer des Epstein-Systems erlebt haben, beispielsweise in dieser Dokumentation. Ich versuche mir klarzumachen, was der Krieg im Iran bedeutet, vor allem für Frauen und Kinder. Im Iran, in Gaza, im Libanon - in der gesamten Region. 

Es passiert zu viel, um all diese Ereignisse ignorieren zu können. Ich bin mir sicher: Sie werden in ihrer Gesamtheit dazu führen, dass wir eine Sprache finden, um über diese unvorstellbaren Taten sprechen zu können. Um Dinge sagen zu können, die unmissverständlich bei anderen ankommen. Um präzise sprechen zu können, jenseits von Alternativen Fakten oder Spin-Doktoren, die Bedeutungen gezielt vernebeln.

Sprachregelungen

Dinge nicht als das zu benennen, was sie eigentlich sind, ist zu einer eigenen politischen Disziplin geworden. Sprachregelung heißt das. Im Kern geht es darum, zu verschleiern, worum es wirklich geht. Völkermord? Na ja, kann man so nicht sagen. Angriffskrieg? Also, da gibt es Nuancen. Vergewaltigung? Da müssen wir abwägen.

Zum ersten Mal ist mir das 1998 im Rahmen des Clinton-Lewinsky-Skandals so richtig bewusst geworden. Der damalige US-Präsident Clinton leugnete unter Eid, sexuelle Beziehungen mit seiner Praktikantin Monica Lewinsky gehabt zu haben. Er nutzte juristische Spitzfindigkeiten, um die Leugnung formal korrekt erscheinen zu lassen. Im Verlauf der Affäre musste er schließlich zugeben, dass faktisch sexuelle Handlungen stattgefunden hatten. Da war die ganze Angelegenheit aber schon so zerpflückt und der mediale Fokus so sehr auf Lewinsky und ihrer moralischen Integrität gerichtet, dass Clinton trotz zahlreicher Bemühungen, sein Amt aufzuheben, als Präsident weiter regieren konnte. 

Krieg als Eskalation männlicher Erzählungen

Bemerkenswert, damals wie heute, ist die Tatsache, dass Clinton auf dem Höhepunkt der Affäre überraschend Ziele im Sudan und in Afghanistan angreifen ließ. Laut eines Berichts des SPIEGEL aus dem Jahr 1998 versuchte der “angeschlagene Präsident, sich den Weg aus der Affäre Monica Lewinsky freizuschießen.” Dass er dafür die Gefahr einer Konfrontation mit der gesamten islamischen Welt in Kauf nahm - geschenkt. Donald Trump, der im Februar aufgrund weiterer Anschuldigungen im Rahmen der Epstein-Enthüllungen zunehmend in Bedrängnis geriet, nutzte das bewährte Playbook des Angriffskriegs und schickte Bomben in den Iran. “Operation Distraction” kommentiert dies der Guardian in einem gestern veröffentlichten Artikel

Die deutsche Regierung ist sprachlos angesichts des Unrechts, das sich vor den Augen der Öffentlichkeit abspielt. Bundeskanzler Friedrich Merz sieht ein “gewisses Dilemma” bei völkerrechtlichen Fragen rund um den Angriffskrieg, wie man in diesem Beitrag von ZDF heute sehen kann. Wie sehr kann man sich diplomatisch noch wegducken vor dem, was passiert? 

Die Grenzen von Sprache als Grenzen der Welt

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, sagte der Philosoph Ludwig Wittgenstein. Er meinte damit, dass unsere sprachlichen Fähigkeiten unsere gedankliche Welt strukturieren und begrenzen. Was sprachlich nicht fassbar ist, bleibt außerhalb unserer bewussten Welt. 

Ein interessantes Beispiel dafür ist die nicht enden wollende Debatte um das Gendern. Plötzlich erklärten viele Männer, sie fühlten sich in ihrer eigenen Sprache nicht mehr heimisch. Ein bemerkenswertes Gefühl. Denn genau dieses Fremdsein in der Sprache gehört für viele Frauen, Migrant:innen und Menschen außerhalb des gesellschaftlichen Mainstreams seit jeher zum Alltag. Immer überlegen zu müssen: Wie sage ich das? Kann ich das so sagen? Ist das angemessen? Werde ich ernst genommen oder sofort korrigiert?

Ein weiterer Aspekt, wenn es um Sprache und die “Grenzen der Welt” geht, ist der Aspekt der Wahrheit. In einer Öffentlichkeit, die sich zunehmend mit Fake News und Desinformationskampagnen auseinandersetzen muss, wird Sprache unzuverlässig. Worte werden zu Markierungen von Lagern oder zu Signalen der Zugehörigkeit. Wer welche Begriffe benutzt, verrät oft mehr über seine_ihre Position als über den Sachverhalt selbst. Wie soll man sich über die Welt verständigen, wenn es keine gemeinsame Grundlage gibt?

Unsichtbar im Patriarchat

In hoffnungsvollen Momenten fühlt es sich für mich so an, als würden wir jetzt, inmitten des Chaos, eine Sprache lernen, die es früher nicht gab. Oder vielleicht war sie schon immer da, aber wir konnten sie nicht hören. Viele Frauen meiner Generation (GenX) sind in einer Welt aufgewachsen, in der das Patriarchat einfach die Luft war, die wir atmeten. Es war nichts, das man benannte. Das Patriarchat war der Normalzustand. Männer saßen an den Hebeln der Macht, Männer erklärten die Welt, Männer bewerteten unsere Körper, unsere Ambitionen.

Ich habe es lange als meine größte Leistung betrachtet, mich in dieser Welt zu behaupten. Ich wollte gesehen werden. Ich wollte dazugehören. Ich wollte stark sein, aber auf eine Weise, die niemanden störte. Ich lernte, mich im Patriarchat zu bewegen. Ich lernte, mich anzupassen, Anerkennung in einem System zu suchen, das mich strukturell kleiner hielt als ich in Wahrheit war. Ich hielt das für Normalität. 

Der Working Mum-Plot

Mitte der 1990er, als ich mein Studium begann, wurde das Internet zum Massenmedium. Getty Images war eines der Unternehmen aus der Frühzeit der digitalen Ökonomie. Bis heute liefert es Stockfotos zur Typisierung der Welt. Ein ungebrochen erfolgreicher Image-Trope ist das Bild von der "Working Mum" oder "Tired Mom". Alle diese Bildkompositionen sind gleich: Ein Baby, ein Kochlöffel, ein auf dem Herd überquellender Topf, ein Laptop, schmutzige Wäsche und mittendrin eine attraktive, verzweifelte Frau, der alles zu viel ist. Seit dreißig Jahren illustrieren Fotostrecken und Artikel dieses Motiv. Warum, verdammt nochmal, schauen wir Frauen so gern beim Überarbeiten zu?

Das war die Lüge meiner Zeit: die Erzählung, dass Frauen nur hart genug arbeiten müssten, nur selbstbewusst genug auftreten, nur gut genug organisiert sein müssten - und dann könnten sie alles haben. Als wäre das Problem individuelles Zeitmanagement gewesen und nicht eine strukturelle Schieflage.

Es gibt noch viel zu tun

Ich habe das Glück, persönliche Kontakte zu Angehörigen der GenZ zu haben. Meine Tochter ist eine von ihnen. In vielen Aspekten ist diese Generation ganz anders als wir GenX-ler es waren: GenZ-Frauen erkennen einen Macho, wenn sie ihn sehen. Sie wissen, was Consent bedeutet. Sie verstehen den Wert von Care-Arbeit und kennen sich mit mentaler Gesundheit und Work-Life-Balance aus. Sie leben in einer Zeit der formalen Gleichberechtigung.

Und dennoch ist es auch die Generation, die sich einem krassen Schönheitsterror und unrealistischen Perfektionsdruck unterwirft. Es ist die Generation, die konservative Dating-Protokolle verfolgt und unfassbare Ansprüche an Beziehungspartner:innen hegt. Es ist die Generation der Tradwives, der Clean Girls, der Mob Wives und vieler anderer Typologisierungen, die durch Social Media entstanden und populär geworden sind.

Und auch diese Generation ist sich in Geschlechterfragen nicht einig. Die Jungen und Männer aus der GenZ haben sogar eine rückständigere Meinung zu Frauen als die Vertrerter:innen der Generation vor ihnen, wie etwa in einer Studie des Forschungsinstitut Ipsos nachzulesen ist. Dabei fällt auf: Je jünger die Befragten, desto konservativer ihr Geschlechterverständnis. Hört das denn nie auf?

Wie komme ich hier wieder heraus?

Am Anfang des Artikels habe ich von einer Zeitenwende gesprochen. Davon, dass wir eine Sprache finden würden, um die aktuellen Geschehnisse klar und deutlich zu benennen. Dass uns diese Sprache ein Handlungsgerüst geben würde, um aus der Ohnmacht herauszukommen.

Beim Schreiben habe ich diese Gedanken weiter verfolgt und bin nun aber doch nicht an dem Punkt gelandet, den ich angepeilt hatte. Ich habe Zweifel bekommen, ob wir tatsächlich schon bei einer Zeitenwende angekommen sind. Möglicherweise war meine Sehnsucht danach größer als die Fakten, die ich zur Unterstützung meiner These zusammengetragen habe. Sowas passiert.

So richtig schön ist es aber nicht. Denn statt nun leichtfüßig in die Zielgerade meines Artikels hineinzulaufen und auf einen starken Schlusssatz hinzuschreiben, komme ich ins Stocken. Wie komme ich aus diesem Text wieder heraus? Ich habe euch mitgenommen in mein Schreib-Denken, in mein persönliches Einordnen und Assoziieren, aber am Ende habe ich leider auch nichts Gutes anzubieten. Dass wir reden müssen, uns einmischen, ist ein No-Brainer. Wir alle wissen das. Dass Schweigen Macht stabilisiert und Täter:innen schützt, wissen wir auch.

Vielleicht ist meine wichtigste Botschaft, dass Sprache eben kein Nebenschauplatz ist. Heute, am Internationalen Frauentag und jeden Tag: Wer die Sprache kontrolliert, kontrolliert die Welt. Lasst uns benennen, was wir sehen: Machtmissbrauch, Ungerechtigkeit, Dominanz, Unterdrückung, Verschleierung, Manipulation. Mein Text ist keine versöhnliche Einladung zum Dialog und auch keine Bitte um Kompromisse. Er ist ein Aufruf an mich selbst: Ich will sagen, was ist. Das ist mein größter Wunsch. Ich will nicht nur Gast sein in meiner Welt.