Ich bin sieben, acht Jahre alt und laufe mit einem Körbchen durch mein Dorf. Darin sind Eier und Äpfel. Meine Omi hat mich geschickt, die Sachen, die wir im Überfluss haben, zur Nachbarin zu bringen. Später werde ich nach Hause laufen, mit Kartoffeln aus dem Nachbargarten. Es ist ein Tausch, für den es keine Worte braucht. Er wird gesteuert vom kollektiven Bauchgefühl einer Gemeinschaft, die ihre eigenen Regeln hat.
Damals, Ende der 1970er Jahre, gab es ein Backhaus, ein Kühlhaus und ein Milchhaus in gemeinschaftlicher Verwaltung. Fast alle im Dorf betrieben einen größeren Garten oder eine kleine Landwirtschaft. Überschüsse wurden abgegeben, selten auch weiterverkauft. Wenn es zu viele Äpfel gab, fuhr man sie auch mal in die Saftfabrik. Ich denke aber, ein Großteil der Erträge kursierte im Dorf als informeller Tauschhandel.
Möglicherweise klingt das heute romantisch, doch das Teilen war damals schlicht notwendig. Ich wurde in die letzten Ausläufer eines dörflichen Gemeinschaftsmodells hineingeboren, das sich noch während meiner Kindheit aufzulösen begann. Die nahegelegene Autoindustrie suchte dringend Arbeitskräfte, während mit dem Wachstum der Region auch das Land der Bauern plötzlich wertvoll wurde.
Noch bevor ich die Schule abgeschlossen hatte, hatte sich dieser kleine Ort im Remstal grundlegend verändert. Die alte Generation der Kleinbauern war mittlerweile gestorben, das Land verkauft. Die Orte, an denen Gemeinschaft stattgefunden hatte, verschwunden. An ihre Stelle trat ein Supermarkt und eine Tankstelle für die Vielen, die in die Stadt zur Arbeit pendelten.
War es schön, eine solche Kindheit gehabt zu haben? Ja und nein.
Wir Kinder konnten tun und lassen, was wir wollten. Wir streiften bis abends durch die Gegend, bis uns irgendwann jemand suchen kam und nach Hause schickte. Einmal waren wir gerade mit unseren imaginierten Tieren in ein Rennen verwickelt und ich wollte unbedingt noch mein Pferd ins Ziel bringen. Diese Freiheit ist eine meiner stärksten Erinnerungen an diese Zeit.
Es war aber nicht schön, wenn man nicht dazu gehörte. Und zumindest bei mir war das der Fall. Ich hatte Schwierigkeiten, mich einzuordnen und den Erwartungen der anderen zu entsprechen. Im Dorf war man nicht gerade zimperlich mit denen, die aus der Ordnung fielen. Eines Nachts kam ich erst im Morgengrauen nach Hause und sah, wie sich bei der Nachbarin der Vorhang bewegte. Diesen Blick vergesse ich nicht. Nach meinem Schulabschluss ging ich weg – und kehrte nie wieder zurück.
Und dennoch ist das, was ich als junger Mensch in unserem Dorf gelernt und erfahren habe, zu einem Grundrauschen für mein Leben geworden.
Mach was aus dir!
Meine Schulzeit fiel in eine historische Phase, die ich als Hyper-Individualismus bezeichnen würde. Alles begann sich darum zu drehen, möglichst “viel aus sich zu machen” und “den eigenen Weg zu finden”. Der Neoliberalismus gewann ab den 1970er-Jahren an Einfluss und wurde besonders unter Margaret Thatcher und Ronald Reagan populär. Die erste politische Maßnahme, an die ich mich bewusst erinnere, war Gerhard Schröders Agenda 2010, mit der die Idee von mehr Eigenverantwortung auch in der deutschen Sozial- und Arbeitsmarktpolitik zum Leitmotiv wurde.
In dieser Zeit setzte sich zunehmend eine Politik durch, die auf Privatisierung, Deregulierung, Handelsliberalisierung und Haushaltsdisziplin setzte. “Mehr Markt wagen” schrieb die Deutsche Bank unter Alfred Herrhausen in ihrem Geschäftsbericht 1987. Und als Schlusssatz das Plädoyer: “Wagen wir mehr individuelle Verantwortung”.
In diese Zeit fiel auch die deutsche Wiedervereinigung und der Zusammenbruch des sozialistischen Systems in Osteuropa. Nach und nach integrierten sich die ehemaligen Ostblockstaaten in ein neues Gebilde, in dem Marktwirtschaft und Demokratie zu gemeinsamen Leitprinzipien wurden. Europa wuchs zusammen und steuerte auf eine einheitliche Währung zu. Es war eine bemerkenswerte Phase der Stabilität. Alles schien möglich.
Das war die große Verheißung dieser Zeit: Du kannst alles werden. Und das war auch die Erwartung einer ganzen Generation an ihre Kinder: Du kannst es jetzt besser haben als wir. Es war nicht nur ein Auftrag, sondern fast eine Schuld, etwas aus den Möglichkeiten zu machen, die man uns eröffnet hatte. David Graeber hat in Schulden: Die ersten 5000 Jahre beschrieben, wie tief die Vorstellung reicht, dass wir denen etwas schulden, die uns das Leben gegeben haben – und der Gesellschaft, die uns trägt. Also, geh und mach was aus dir!
American Psycho
Und ja, es stimmte. Wir konnten alle etwas werden. Selbst ich, aus einfachen Verhältnissen stammend, hatte die Chance, zu studieren und mich “zu verwirklichen”, wie man damals oft sagte. Ich weiß noch, wie ich mein erstes Studium begann, überwältigt von den Möglichkeiten, aber auch von dem Gefühl, unbedingt etwas daraus machen zu müssen.
Je tiefer ich dann in die Welt der beruflichen Möglichkeiten vordrang, desto stärker bekam ich die Ellbogengesellschaft zu spüren: den Druck, mich anzupassen, den Wettbewerb und den Stress. Die Freiheit, die ich mir für die Zeit nach der Schule erhofft hatte, fand ich nur außerhalb der Universität.
Auch die Welt meiner Kindheit veränderte sich. Seit den 1990er-Jahren gerieten öffentliche Einrichtungen zunehmend unter Spardruck. Die Bibliotheken, die für mich als Kind ein Tor zur Welt gewesen waren, wurden kleiner oder schlossen ganz. Es geschah so langsam, dass wir es kaum bemerkten. Vor uns lag schließlich eine große Zukunft. Und zu ihr taumelten wir alle hin.
In seinem Roman American Psycho aus dem Jahr 1991 hat Bret Easton Ellis dieses Versprechen, alles erreichen zu können, in der Figur des Patrick Bateman auf groteske Weise verkörpert: erfolgreich, konsumorientiert, perfekt angepasst – aber innerlich vollkommen leer.
9/11
Im Großraumbüro einer Berliner Digitalagentur, ein Dienstag, kurz nach drei. Plötzlich durchbrach eine Kollegin die Stille: „Leute - schaut mal, hier passiert etwas Krasses.“ Unvergesslich das ruckelnde Video auf Spiegel Online, die Bilder der Flugzeuge und der brennenden Türme. Kurz darauf ging der Server in die Knie und wir rannten alle zum Fernseher.
Der 11. September 2001 war eine Zäsur. Auf den Krieg gegen den Terror folgten neue Formen staatlicher Überwachung und eine zunehmende Militarisierung der internationalen Politik. Daten wurden zur Ressource staatlicher Sicherheit, neue Gesetze wie der US Patriot Act ermöglichten die Überwachung digitaler Kommunikation. Auch bei uns in Deutschland.
Die digitale Revolution hatte uns gerade noch eine Welt ohne Grenzen versprochen. Nun half dieselbe Technologie dabei, neue Grenzen zu ziehen.
Der Bankenkollaps
2008 kam die Finanzkrise. Für mich ein weiterer Wendepunkt. Was als Krise des amerikanischen Finanzsystems begann, erschütterte die Weltwirtschaft und das Vertrauen vieler Menschen in Finanzmärkte und staatliche Institutionen. Für mich war es der Moment, meine gut bezahlte Tätigkeit im Corporate-Umfeld hinter mir zu lassen. 2010 gründete ich den SUPERMARKT in Berlin und begann, meinen beruflichen Weg neu zu denken.
Auch politisch und digital entstand etwas Neues. Mit der Occupy-Wall-Street-Bewegung war eine neue Form globaler Protestkultur entstanden. 2009 kam Bitcoin: Geld aus einem digitalen Netzwerk, nicht von einer Bank. Airbnb und Uber versprachen eine neue Form des Teilens, die Sharing Economy. Business von Mensch zu Mensch.
Es schien, als würde das Internet endlich seine alte Verheißung einlösen: Gemeinschaft ohne Grenzen. Doch zwischen die Menschen trat die Plattform. Sie vermittelte Wohnungen, Fahrten, Musik, Nachrichten und Aufmerksamkeit und machte daraus ein Geschäftsmodell. Der Individualismus verschwand nicht im digitalen Zeitalter. Er bekam nur eine neue Benutzeroberfläche.
Die Pandemie
Dann kam im Frühjahr 2020 Covid-19. Ich war inzwischen Mutter eines Grundschulkindes, das nun über weite Strecken zuhause beschult werden musste. Plötzlich war fast alles, was unser Leben ausgemacht hatte, auf Bildschirme verlagert: Schule, Arbeit, Kultur, Einkaufen, Freundschaften.
Wir veranstalteten „Teledinner“ mit unseren Freunden: gemeinsames Essen und Weintrinken, verbunden über Videotelefonie. Nach zwei Stunden waren wir müde und schalteten ab. Genau dann, wenn ein gemeinsamer Abend in Wirklichkeit oft erst richtig lustig wird.
Ich weiß noch, wie wir alles versuchten, um uns die Nähe zurückzuholen. Wir gingen Rad fahren, machten Picknicks auf weit auseinanderliegenden Decken, paddelten auf Seen und unterhielten uns von Boot zu Boot. Einmal feierten wir sogar Silvester draußen, umringt von Feuerstellen. Wir taten alles, was zu der Zeit möglich war, um zusammen sein zu können.
Heute wissen wir mehr darüber, wie fundamental wichtig die menschliche Nähe ist. Im Rahmen einer Studie der OECD wurde 2025 festgestellt, dass persönliche Treffen mit Freunden und Familie in vielen Ländern schon seit Jahren zurückgehen, während Kontakte auf Distanz zunehmen.
Und heute? Wie geht’s weiter mit dem Indiviualismus?
Ich bin mir nicht mehr sicher, ob der Individualismus tatsächlich das letzte Wort haben wird. Möglicherweise befinden wir uns gerade mal wieder an einem Wendepunkt. Nicht weil der Individualismus verschwunden wäre, sondern weil man dessen Grenzen heute klarer sehen und benennen kann.
Die neuen Technologien sollten uns helfen, frei zu werden und dabei wurden wir immer stärker abhängig: von Märkten, globalen Lieferketten und schließlich von Plattformen, die immer mehr Bereiche unseres Lebens vermitteln. Der Hyper-Kapitalismus hat aus vielem, was früher ganz selbstverständlich gemeinsam organisiert wurde, eine Ware oder eine Dienstleistung gemacht. Selbst Gemeinschaft wurde zunehmend zu etwas, das man buchen oder doch zumindest digital verwalten konnte.
Während der Pandemie merkten dann viele, dass sich eben nicht alles digitalisieren lässt. Für mich war die wichtigste Erfahrung dieser Zeit, dass kommunikationstechnische Erreichbarkeit eben nicht dasselbe ist wie physische Verbundenheit. Eine SMS ersetzt nicht die Zugewandtheit eines Gesprächs.
Vermutlich erklärt das auch, warum man heute an so vielen Orten eine neue Entstehung von Gemeinschaft erleben kann. Menschen gründen Nachbarschaftsgärten oder Wohnprojekte. Sie übernehmen Dorfläden, organisieren solidarische Landwirtschaften oder schaffen neue Orte für Arbeit und Kultur.
Doch halt, das ist keine Rückkehr ins Dorf meiner Kindheit. Es wäre falsch, die Vergangenheit zu romantisieren. Aber anscheinend entdecken wir gerade etwas wieder, das wir lange für überholt hielten: Manche Dinge funktionieren besser, wenn wir sie gemeinsam organisieren. Ich glaube deshalb, dass sich die Zukunft nicht auf dem Entweder-oder von Individualismus und Kollektivismus bauen lässt. Wir brauchen ein neues Modell, in dem beides existieren kann.
Das Global Village
Wenn ich heute an das Dorf meiner Kindheit denke, fällt mir auf, wie sehr diese informelle Wirtschaft von den Bedürfnissen der Menschen ausging. Der eine brauchte Hilfe beim Dachdecken, die andere hatte einen kaputten Traktor. Also überlegte man, wie man sich gegenseitig helfen konnte. Man brauchte einander. Ganz einfach.
Was ich damals erlebte, hatte einen Namen, den ich erst viel später kennenlernte: Reziprozität. Zugegebenermaßen ein sperriger Begriff für etwas, das im Alltag ganz selbstverständlich war: Du hast etwas, das ich brauche. Ich habe etwas, das du brauchst. Also helfen wir uns. Vielleicht liegt gerade im digitalen, globalen Dorf eine neue Möglichkeit, solche Formen der Gegenseitigkeit zu organisieren. Der Medientheoretiker Marshall McLuhan beschrieb schon in den 1960er-Jahren die Welt als „globales Dorf“: Elektronische Medien würden Menschen über große Entfernungen hinweg miteinander verbinden. Was ihm noch wie eine Vision erschien, ist heute technische Realität.
Reciprocity Now!
Aber Verbindung allein reicht nicht. Wir können miteinander kommunizieren wie nie zuvor und sind trotzdem nicht automatisch in der Lage, unsere Bedürfnisse gemeinsam zu organisieren. Plattformen können uns miteinander vernetzen, aber sie machen aus dieser Verbindung ein Geschäftsmodell. Und auch der Staat kann viele der komplexen Probleme unserer Zeit nicht allein lösen.
Die Aufgabe liegt deshalb darin, die Stärke des Individuums wieder mit der Fähigkeit zur Zusammenarbeit zu verbinden. Ich denke nicht, dass dafür das Kollektiv der Maßstab sein muss, sondern eher die neue Formen der Kooperation, die momentan an vielen Stellen entstehen. Sie entstehen aber nicht deswegen, weil Menschen kollektiv leben wollen, sondern weil sie feststellen, dass sich manche Probleme gemeinsam besser lösen lassen: durch adaptive Resilienz und neue soziale Technologien der gemeinsamen Gestaltung.
Ciao, Hyper-Individualismus! Du kannst dich zurückziehen. Niemand wird dir applaudieren, wenn du deine Errungenschaften vor austrocknenden Landschaften feierst. Die großen Innovationsfelder unserer Zeit liegen jetzt in der Frage, wie wir die Freiheit und die Fähigkeiten des Einzelnen mit einem gemeinsamen Handeln verbinden. Nicht weniger Individualität also, sondern mehr Zusammenarbeit und bessere Koordination. Und ja, auch mehr Empathie für menschliche Bedürfnisse. Was für ein faszinierend weites Feld wir da noch vor uns haben!